Eine Würdigung von Monika Mengel
Wir verdanken Gabriele Meixner eine wichtige Erkenntnis: „Das erste in der Kunstgeschichte der Menschheit dargestellte Paar ist das Frauenpaar“. Diese These, die sie 1995 in ihrem Buch „Frauenpaare“ und der gleichnamigen Ausstellung durch zahlreiche Abbildungen untermauerte, ist bis heute nicht widerlegt. Damals spielte ihre Forschung im akademischen Diskurs kaum eine Rolle. Was möglicherweise daran lag, dass sie als Autodidaktin von Archäologen und Historikern bewusst nicht wahrgenommen wurde. Ironischerweise häufen sich in letzter Zeit archäologische Funde, die auf die Existenz mächtiger Herrscherinnen – einzeln oder paarweise – schließen lassen. Sie komplettieren die in großer Zahl weltweit entdeckten Frauenpaardarstellungen in der frühen Kunst: das bezaubernde Doppelidol aus Alaca Höyük, Anatolien 2300 v.u.Z.; ein umschlungenes Frauenpaar aus einem Steinblock herausgearbeitet, aus Catal Höyük, Anatolien 5800 v.u.Z.; tanzende Frauenkörper auf Schiefertafeln, Gönnersdorf 10 500v.u.Z., weiblich geformte Skulpturen und Gefäße mit deutlichem Schoßdreieck in alten Tempelanlagen; die strengen, vertikal angeordneten, kykladischen Frauendoppelskulpturen, Griechenland 2500 v.u.Z. Frauen stehen auf den Schultern ihrer Ahninnen.
Prägende feministische Theoretikerin der Zweiten Frauenbewegung
Die Publizistin, Verlegerin und Übersetzerin Gabriele Meixner, geboren am 16.9.1948 in der Nähe von Celle, zählt zu den prägenden feministischen Theoretikerinnen der Zweiten Frauenbewegung. Den Begriff „Matriarchatsforscherin“ lehnte sie für sich ab. Es ging ihr in erster Linie um weibliches Begehren im Kontext einer lesbischen Existenz. Was für sie etwas grundsätzlich anderes war, als ein heterozentristisches Weltbild.
Als jüngste von drei Schwestern studierte sie Psychologie in Frankfurt. Früh verliebte sie sich in Frauen. Mit Marie, die als Französisch-Dolmetscherin bei Gericht tätig war, pflegte sie erste Kontakte zu französischen Aktivistinnen und Schriftstellerinnen. So etwa zu der androgyn wirkenden Dichterin Monique Wittig. Seit sie später einige von Wittigs Schriften lektorierte, gilt Gabriele Meixner als Kennerin ihres Werkes. Deutlich missbilligte sie die Einvernahme Wittigs durch aktuelle, antifeministische Strömungen.
Mitbegründerin des Amazonen Verlags, Lektorin und Übersetzerin im Verlag Frauenoffensive
1975 zog Gabriele Meixner nach Berlin und fand im Lesbischen Aktionszentrum LAZ eine politische Heimat. Dort, im von ihr mitgegründeten Amazonen Verlag erschienen so wichtige Titel wie „Sind es Frauen?“- ein literarisches Kleinod aus der Ersten Frauenbewegung, Monique Wittigs „Aus deinen zehntausend Augen, Sappho“, das „Tagebuch der Vibeke Vasbo“, „Sister Gin“ von June Arnold, um nur einige Titel zu nennen. Innerhalb weniger Jahre entfaltete sie eine enorme Produktivität. Anfang der 1980er Jahre ging sie zum Verlag Frauenoffensive nach München. Mit Verena Stefans „Häutungen“ hatte die Frauenoffensive 1975 einen Bestseller gelandet. Nun betreute Gabriele Meixner als Lektorin Verena Stefan und andere namhafte Autorinnen wie Christa Reinig, die sie zur Frauenoffensive geholt hatte, und Jutta Heinrich. Mit Verena Stefan übersetzte sie 1982 „Der Traum einer gemeinsamen Sprache“ von Adrienne Rich und „Lesbische Völker – ein Wörterbuch“ von Monique Wittig und Sande Zeig. In diesem höchst phantasievollen, witzigen Werk feiern die beiden die 1970er Jahre als „Glorioses Zeitalter“.
Autorin und Forscherin mit universellem Wissen
Mehr als zehn Jahre forschte und arbeitete Gabriele Meixner an ihren „Frauenpaaren“, einer – wie sie es nannte – „Grundlage einer Archäologie weib-weiblicher Bindungen“. Die gleichnamige Foto-Ausstellung mit den überdimensionalen Zeugnissen alter Kulturen, humorvoll konterkariert durch zeitgenössische Bezüge, wanderte durch mehr als 50 deutsche und europäische Städte. Als Forscherin war Gabriele Meixner akribisch genau, als Referentin – etwa bei Vorträgen an der Akademie Bad Boll – äußerst pointiert. Ihr Humor und ihr universelles Wissen beeindruckten ihr begeistertes Publikum.
Biografie der Urgeschichtsforscherin Marie König
Einige Zeit vor deren Tod lernte sie Marie König kennen und wurde von ihr zu Exkursionen in die Höhlen der Ile de France eingeladen. Der innovativen Urgeschichtsforscherin widmete sie eine sorgfältig recherchierte Biografie, die 1999 bei der Frauenoffensive erschien. Hingerissen von den abstrakten, eingeritzten Zeichen in den Höhlen, die König als Orientierung der frühen Menschen in Raum und Zeit gedeutet hatte, organisierte Gabriele Meixner selbst Exkursionen für Frauen, begleitet von ihrer Lebensgefährtin, der Goldschmiedin Java Mazurek (gest.17.6.2020).
In den vergangenen 40 Jahren lebte Gabriele Meixner auf dem Land, im Nördlinger Ries. Ihre letzte große Publikation, die Biografie der Journalistin und Aktivistin Erika Wisselinck „Wir dachten alles neu“, erschien 2010 im Christel Göttert Verlag. Darin würdigt sie das Lebenswerk der mutigen Journalistin, Hörfunk- und Buchautorin. Es ist ein Dokument über die Theorie und Praxis der Frauenbewegung und damit von unschätzbarem Wert.
Umfangreiche Recherchen hat Gabriele Meixner nicht nur zu diesem Buchprojekt angestellt. All ihre Veröffentlichungen stützen sich auf mehrfach überprüfte Fakten. Allein die aufgezeichneten Interviews, die Korrespondenzen, die dokumentierten Quellen, ihre Vorträge und Essays, die gut sortierten Fotos, füllen meterlang Schränke und Regale.
Es ist zu hoffen, dass dieses Erbe erhalten bleibt und professionell archiviert wird. Für spätere Generationen – in Erinnerung an eine visionäre, feministische Theoretikerin und Frauen liebende Frau.
Autorin:
Monika Mengel (2.12.1950) Hörfunkautorin, Sängerin der Flying Lesbians, Aktivistin der Lesbenbewegung, seit 1974 Freundin und Weggefährtin. In der Danksagung zu Erika Wisselincks Biografie schrieb Gabriele Meixner: „Später, als die Zeit knapp wurde, hat Monika das ganze Manuskript gegengelesen. Ihr sicheres, sprachliches Urteil ist in die Buchfassung eingegangen. Die Gespräche mit ihr haben mich inspiriert und ermutigt.“



