Manchmal ist weniger mehr, und manchmal sagt nichts eigentlich alles. So zum Beispiel in Bezug auf den Prozess gegen die Deutsch-Marokkanerin Oumaima I.vor dem Oberlandesgericht (OLG) Düsseldorf. Kaum jemand hat von diesem Prozess Notiz genommen. Das liegt daran, dass die Pressebänke leer blieben. Zumindest nach dem Auftakt im April 2026; dazu gab es einige wenige nichtssagende Presseberichte.
Eine jedoch machte sich die Mühe, den gesamten Prozess zu beobachten, darüber zu berichten, bewerten und einzuordnen: Frauenheldin Sigrid Herrmann.
Das Interesse von Sigrid Herrmann an dem Prozess kommt nicht von ungefähr. Seit 2006 beschäftigt sich die studierte Biologin mit dem Thema „Islamismus“. Als SPD-Funktionärin auf regionaler Ebene, u.a. als Mitglied des Arbeitskreises „Migration und Vielfalt“, hatte die Offenbacherin die entsprechenden Strukturen in ihrem Umfeld im Blick. „Mit einer Mischung aus Neugier und Sorge“, wie sie sagt. Sie versuchte, innerhalb der SPD dieses Thema anzusprechen, stieß indes „auf wenig Gegenliebe“.
Allein gegen die Salafisten
Als sie 2012 von den Koranverteil-Aktionen der salafistischen Gruppierung „Die wahre Religion“ in Frankfurt las, schrieb sie ein Flugblatt, vervielfältigte dieses und stellte sich in die Nähe von deren Infostand und wollte so für Aufklärung sorgen. Ihr fiel auf, dass auch Kinder bei den Verteilaktionen einbezogen wurden. Sie wurde aggressiv angegangen von den Salafisten und musste später bei wöchentlichen Aktionen in Frankfurt von der Polizei geschützt werden. Ähnlich wie heute Karolin Preisler, die sich mit einem einfachen Pappschild mit der Aufschrift „Rape is no Resistance“ den israelfeindlichen Aufmärschen entgegenstellt.
Obwohl sie nicht nur „auf wenig Gegenliebe“ stieß, sondern angefeindet wurde – auch aus den eigenen Reihen – intensivierte sie ihre Beobachtungen der islam-extremistischen Szene. Darüber schrieb sie auch auf ihrem Blog „Vorwärts und nicht vergessen“, den sie unterdessen in „Islamismus und Gesellschaft“ umbenannte. Seit über 10 Jahren beobachtet und analysiert sie nun schon islamistische Netzwerke auf den verschiedensten Ebenen, hält Vorträge und erstellt Gutachten.
Ihr beruflicher Radius weitete sich seit 2014 immer mehr aus. Zunächst auf Hessen, dort bot sie Schulungen u.a. für Lehrerinnen und Lehrer an, erstellte einen Kriterienkatalog, um die Pädagoginnen und Pädagogen für etwaige Radikalisierung ihrer Schülerinnen und Schüler zu sensibilisieren. Mittlerweile lebt sie im Raum Düsseldorf und hat seit langen Jahren die islamistischen Aktionsgeflechte im Blick. Längst sind sowohl sie als auch ihr Blog zur ersten Adresse für Informationen zu fundamental-islamischen Strukturen geworden. Der Islamismus-Expertin entgeht kaum eine Veränderung, welcher problematische Prediger in welcher nicht minder problematischen Moschee auftritt, welche Gruppierung sich mit welcher Organisation zusammen tut, wer sich von wem trennt, welche personellen Veränderungen es in welchen Vorständen gibt, Sigrid Herrmann ist verlässlich im Bilde.
Der Preis des Hinschauens
Das gefällt nicht unbedingt allen. Ihr Beruf bringt eine abstrakte Gefährdung mit sich, denn manche Islamisten könnten zur Tat schreiten wollen. Aber auch rechtlich muss sie sich zur Wehr setzen. So wurde sie 2023 im Bricht des „Unabhängigen Expertenkreises Muslimfeindlichkeit“ (UEM) als islamfeindlich gebrandmarkt.
Das verwaltungsgerichtliche Verfahren gegen das Bundesinnenministerium (BMI), das als Auftraggeber und Herausgeber des Berichts fungierte, ist allerdings noch immer nicht abgeschlossen. Eine Einstweilige Anordnung erging nicht, weil zuvor schon der ebenfalls benannte Henryk M. Broder mit seiner Beschwerde Erfolg hatte und der Bericht im Netz verändert werden musste. Trotzdem gibt es immer noch Personen, die darauf Bezug nehmen, so lange das Hauptverfahren noch nicht endgültig abgeschlossen ist.
Das ist nicht das einzige Verfahren, das zu führen sie gezwungen wurde. Eine gute Methode, um Kritikerinnen wie Sigrid Herrmann zum Schweigen zu bringen. Denn ein Prozess kostet Zeit, Kraft und Nerven – und Geld; selbst dann, wenn er am Ende gewonnen wird. Genau für solche Fälle haben die Frauenheldinnen einen Rechtshilfefonds aufgelegt, der Spenden akquiriert und Betroffene wie Sigrid Herrmann unterstützt.
Einen Ausgleich zu der herausfordernden Tätigkeit, Berufung wäre das passende Wort, bietet ihr die Gärtnerei; wenngleich im bescheidenen privaten Rahmen in der Wohnung und auf dem Balkon. Den Anblick der schönen Pflanzen genießt die passionierte Köchin bei einem guten Essen. Selbstverständlich mit ihrem Mann, dem Journalisten Peter Herrmann. Er unterstützt ihre Arbeit, indem er sie gerne bei Vorträgen begleitet. Erst vor ein paar Wochen hat das Paar geheiratet. Wir gratulieren nachträglich, wünschen den beiden ein langes, glückliches Leben und sind gespannt auf viele weitere Beiträge und Prozessbeobachtungen.



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